„Das Lächeln nach innen“

Über zwei W. G. Sebald gewidmete Literaturzeitschriften und die Frage: Dürfen seine Leser lachen? / von Oliver Pfohlmann  

(in: TAZ, 7.6.2003)

Die Zeit, deren Linearität W. G. Sebald mit seiner eigenwilligen Prosa so nachhaltig in Frage gestellt hat, sie rast unaufhörlich dahin. Anderthalb Jahre liegt der Autounfall nun bereits zurück, der sein Programm der „Entschleunigung“ vor Zeiten beendet hat. Spät erst war der Germanist als Schriftsteller an die Öffentlichkeit getreten, um in nur wenigen Jahren vom Geheimtipp zum international gefeierten Autor zu avancieren. Nicht wenige, die in ihm am Ende bereits einen Nobelpreiskandidaten gesehen haben. Warum er so lange mit literarischen Publikationen gezögert hat, erklärte er einmal – vermutlich mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht – damit, dass seine Frau beim Vorlesen oft eingeschlafen sei.

Jene hochartifizielle Dehnung des Zeitpfeils, die Sebalds schwermütig mäandernden Sätze bei der Lektüre bewirken, sie lässt seine Leser waten wie durch Treibsand. Ein nicht selten vom endgültigen Versinken in Verzweiflung bedrohtes Lesen, gewiss. Und doch zugleich unsagbar schön und lustvoll. Zumindest für die wachsende Schar der Sebaldianer, die, wie etwa der Amerikaner Andrew Shields, gar von einem „Sebald-Rausch“ berichten. Dem namenlose Schwimmer, der sich in Campo Santo am liebsten immer weiter aufs offene Meer hinaustreiben lassen möchte und nur vom blinden Lebensinstinkt zurückgetrieben wird, scheint es, als „arbeitete ich gegen die Strömung, die mich bisher getragen hatte; nein, ich glaubte vielmehr, es ginge, wenn man das bei einer Wasserfläche so sagen kann, stetig weiter bergauf.“ Der Ich-Erzähler, der wie so oft bei Sebald der Autor selbst sein könnte, wird den Strand unbeschadet erreichen – nur um anschließend einen Friedhof zu besichtigen und ausgedehnte Streifzüge durch Geschichte und Kultur des Todes auf Korsika zu unternehmen.

Das Kurzprosastück, das auf zwölf dichten Seiten Sebalds poetologisches Programm in nuce vorführt, ist, neben dem kürzlich bei Hanser erschienenen Band Unerzählt (zusammen mit Jan Peter Tripp), das erste Werk aus dem Nachlass. Ein weiteres Buch mit nachgelassenen Texten hat der Verlag nun für den Sommer angekündigt. Mit Campo Santo eröffnet Michael Krüger das Sebald gewidmete erste Akzente-Heft des 50. Jahrgangs. Mehr noch als die würdigenden Essays von Andrea Köhler, Thomas Steinfeld und Susan Sontag und die treffenden Beobachtungen Andrew Shields’ zum Stil Sebalds sind es gerade die persönlichen Erinnerungen Reinbert Tabberts, Uwe Schüttes und Christian Scholz’, die das Heft so interessant machen. Während Tabbert, 1967 Studienkollege Sebalds in Manchester, an einen selbstbewussten und zugleich um seine psychische Gesundheit bangenden, sich mit Stiller und Holden Caulfield identifizierenden jungen Dichter erinnert, soll Sebalds späteres Schreiben, Uwe Schütte zufolge, in hohem Maße der Versuch einer Ersatzbefriedigung gewesen sein, ausgelöst von den zermürbenden Zuständen an der Norwicher Universität, wo Sebald Germanistik lehrte, der „progressiven Bürokratisierung und intellektuellen Degenerierung des britischen Hochschulwesens“ im Zuge der Thatcher-Reformen.

Während Sebald, wenn es sein musste, heldenmütig die zu einem teaching quality assessment angereisten Regierungsinspektoren des Seminarraums verwies, motivierte er seine Schüler mit der schönen Formel „Das kann man ruhig so lossegeln lassen“. Und erinnerte sie an die Notwendigkeit des „produktiven Nichtstuns“. Über das sebaldeske Thema „Photographie und Erinnerung“ reflektiert der Fotograf Christian Scholz in seinem Bericht von einer Begegnung mit dem Autor 1997 in Zürich. Überraschend entspannt, unbeschwert, ja heiter präsentiert sich Sebald auf den dabei entstandenen berührenden Aufnahmen: „Das gehört sehr stark zu ihm: lächeln nach innen.“

Überraschend zumindest für die deutsche Kritik. Hat sie doch bislang an diesem Autor stets das „Saturnische“ gefeiert, wie etwa Sigrid Löffler in ihrem Beitrag für das Sebald gewidmete Heft 158 der Zeitschrift text + kritik. Oder ihm „schwarzen Narzissmus“ und allzu ungebrochene Larmoyanz vorgeworfen. „Kann W. G. Sebald ironisch sein, selbstironisch gar?“ So fragt Thomas Steinfeld irritiert angesichts verdächtiger Passagen in Austerlitz, Sebalds letztem Buch, winkt jedoch gleich wieder ab: „Der Scherz war bitterer Ernst gewesen.“ Dennoch: Die Frage, ob man bei der Sebald-Lektüre auch lachen dürfe oder gar solle, sie steht im Raum. Erinnern wir uns: Auch der Kafka-Forschung galt sie einmal als ungehörig. Weniger weihevoll scheinen die Engländer Sebald zu lesen. Der in Birmingham lehrende Germanist Rüdiger Görner bezeugt nicht nur den von den britischen Kollegen geschätzten „sardonic humor“ Sebalds. Er erklärt auch die so erstaunlich intensive Aufnahme von Sebalds Prosa auf der Insel damit, dass die englischen Leser von der Ironie dieses Autors entzückt seien: Britische Leser sehen in ihm den „seltenen Fall eines deutschen Schriftstellers, der über eine ironische Melancholie verfüge, auf die eigentlich englische Exzentriker ein Monopol hätten. Dass deutsche Berufskollegen wie Georg Klein Sebald ein problematisch leidensselig-masochistisches Verhältnis zur Vergangenheit und eine unzulässige Intimität mit den Toten vorwerfen, zitierte man in den englischsprachigen Kritiken gelegentlich, aber eher ungläubig.“

Nur eine Nebenwirkung der Übersetzung? Dass die Angelsachsen, anders als deutsche Leser, auch die ironischen, womöglich gar komischen Seiten an Sebald genießen können, könnte auch an einem unbeschwerteren Verhältnis zur eigenen Vergangenheit liegen. Ein Aspekt, der gerade von der von Jörg Friedrichs umstrittener Studie Der Brand ausgelösten Diskussion um den alliierten Bombenkrieg berührt wird. Einen Vergleich von Friedrichs Darstellung mit der Sebalds in Luftkrieg und Literatur sucht man jedoch in beiden Literaturzeitschriften vergebens. Eher brav resümiert dagegen Christian Schulte für text + kritik Sebalds Thesen zu den Verdrängungen in der deutschen Nachkriegsliteratur und den aus ihr abzuleitenden ästhetisch-ethischen Konsequenzen.

Auch mangelt es an kritischeren Tönen: Fragwürdig ist etwa, ob Austerlitz wirklich, wie Ruth Klüger meint, Sebalds „bestes Buch“ ist; zu untersuchen wäre eher, ob der Autor in ihm seine stilistischen und inhaltlichen Schrauben nicht eine entscheidende Drehung zu fest angezogen, die Grenze zum Manierismus damit womöglich mehr als nur gestreift hat. Im Übrigen dominieren den wie immer von Heinz Ludwig Arnold herausgegebenen Band kluge Beiträge von Hugo Dittberner, Hannes Veraguth, Heiner Boehncke und Markus R. Weber, die nach Sebalds Schreibweise, dem Verhältnis von Dokumentation und Fiktion sowie nach der Funktion der Abbildungen und Fotos in seinen Werken fragen. Roland Barthes’ Unterscheidung von dokumentierendem „Studium“ und schockartigem „Punctum“ sowie Robert Musils Ideal einer „fantastischen Genauigkeit“ liefern wertvolle Anknüpfungspunkte für die Suche nach jenen seltsamen Koinzidenzen, von denen Sebalds Werke berichten. Auf eine macht Andrea Köhler im Akzente-Heft aufmerksam: Die erste Begegnung mit dem Tod hatte Sebald als Fünfjähriger beim Blättern in einem Fotoalbum; eine Aufnahme zeigte einen toten Soldaten, der 1933 bei einem Autounfall umgekommen war. „Es war dieser Augenblick, bemerkt Sebald in einer für ihn typischen Inversion von Anfang und Ende, als ihn die Ahnung durchzuckte, ‚daß es dies war, womit alles begann’.“

 „W. G. Sebald zum Gedächtnis“. Akzente. Zeitschrift für Literatur. Heft 1. München, Hanser Verlag 2003. 98 Seiten. 7,30 Euro.

„W. G. Sebald“. Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur. Heft 158. April 2003. 119 Seiten. 14 Euro.